Sonntag, 8. Oktober 2017

Die Sachsenkriege Karls des Großen

Unter Karl dem Großen (747 bis 814) gelangte das Frankenreich zu seiner größten flächenmäßigen Ausdehnung und erlebte seine größte Machtexpansion. So eroberte er 774 das Langobardenreich, er beendete 788 die Autonomie des bayrischen Stammesherzogtums und eroberte in den 790er Jahren auch das Reich der Awaren. Seine vielleicht schwierigste Aufgabe bestand jedoch in der Eingliederung der sächsischen Stämme in das Fränkische Reich. Über mehr als drei Jahrzehnte sollten sich die Sachsen in den Sachsenkriegen erwehren, die über den Status einer Eroberung des Gebietes hinausgingen. Denn die Sachsen hingen dem germanischen Glauben an und wurden von den christlichen Franken als Heiden angesehen. Eine konfliktfreie Lösung erschien also unmöglich, da neben den politischen auch die religiösen Unterschiede einer gewaltfreien Einigung im Wege standen. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den folgenden Fragen: Mit welchen Mitteln sollte Karl der Große die Sachsen letztendlich unterwerfen? Warum erstreckten sich die Auseinandersetzungen über einen solch langen Zeitraum? Welche Konsequenzen hatte die Zerstörung der großen Säule Irminsul? Und wie endete dieser politisch-religiöse Konflikt für beiden Seiten?


Der Konflikt zwischen dem Fränkischen Reich und den sächsischen Stämmen schwelte bereits seit der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, als der fränkische Hausmeier Karl Martell und seine Söhne (~ 688 bis 741) in mehreren Kriegszügen in das sächsische Stammesgebiet einzogen, um ihrerseits Raubzüge zu vergelten und gleichzeitig ihren Herrschafts- und Einflussbereich auszudehnen. Nachdem Karl, der Enkel Karl Martells (688 bis 741), im Jahre 768 zum König des Fränkischen Reiches gekrönt worden war, sah er sich zunächst anderen Problemen gegenübergestellt. So musste er sich erst den kriegerischen Auseinandersetzungen und Unruhen im Langobardenreich und in Aquitanien stellen, die schwierige Lage vor Ort beruhigen und die Situation konsolidieren. Aufgrund dieser vollzogenen Konsolidierung erschien die Situation im Reich dann so günstig, dass Karl eine Strafexpedition gegen die Stämme der Sachsen vorantrieb. Zahlreiche sächsische Raubzüge in das fränkische Reich machten diese Strafexpedition für Karl unumgänglich. Zudem waren die sächsischen Stämme seit 758 tributpflichtig, als Karls Vater, Pippin der Jüngere (714-768), einen zweiten Feldzug gegen die Sachsen unternommen und sie zu Teilen besiegt hatte. Dieser Pflicht waren sie aber nicht oder nur ungenügend nachgekommen. 

Die sächsischen Stämme waren in einer flachen Hierarchie und einer dezentralen Struktur organisiert. Es gab keinen König, sondern mehrere weitgehend gleichberechtigte Stammesführer, die nur unregelmäßig zu Stammesversammlungen zusammenkamen. Die Sachsen fühlten und sahen sich selbst als Freie, die niemandem gegenüber abgabepflichtig waren. Verhandlungen oder sogar Übereinkünfte mit ‚den‘ Sachsen waren also schlicht nicht möglich. Darüber hinaus waren die sächsischen Stämme heidnischen Glaubens – sie glaubten an alte germanische Gottheiten. Es sollten also Menschen verschiedener Herkunft und verschiedenen Glaubens aufeinandertreffen, als die Franken nach Sachsen vordrangen. Ob sich Karl und seine Heerführer dieser Strukturen und der Eigenschaften der sächsischen Stämme bewusst waren, darf angezweifelt werden, wie die folgende Situation belegt.

„Sie [die Sachsen] verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Sprache Irminsul nannten, was auf lateinisch columna universalis bedeutet, welche sozusagen das All trägt.“

Dies schrieb der Mönch Rudolf von Fulda um 863 in De miraculis sancti Alexandri, einem Werk, das Rudolf selbst begann und von Meginhard fertiggestellt wurde, über die Irminsul, die große Säule. Bei der Interpretation der Bedeutung und Funktion der Säule gibt es zwei Möglichkeiten. Einerseits wird vermutet, dass die Säule ein Naturheiligtum der Sachsen und ihnen dementsprechend hoch heilig war. Die religiöse Funktion der Irminsul kann nur auf Basis der oben genannten Quelle vermutet werden. Als Trägerin des Alls erinnert sie in dieser Beschreibung stark an den Weltenbaum Yggdrasil. Allerdings ist Yggdrasil wortwörtlich als ein Baum zu verstehen und nicht als eine Säule. Ob die Irminsul einmalig war oder ob es mehrere von ihr gab, kann heute genauso wenig geklärt werden, wie der/die Standort/e und das genaue Aussehen. Andererseits kann sie auch eine politische Funktion als Wahrzeichen eines Thingplatzes, auf dem Volks- und Gerichtsversammlungen stattfanden, angenommen haben. Als solche hätte sie vermutlich die Stammesverfassung der Sachsen, die konträr zum fränkischen Königtum ausgelegt war, repräsentiert.

Irminsul-Nachbildung auf der Bornhöhe in Harbarnsen-Irmenseul / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/67/Irminsul_in_Harbarnsen-Irmenseul_2009.jpg

Die Irminsul nach Sebastian Münster. Holzschnitt aus Cosmographey, um 1590. / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/9/94/Irminsul_nach_Heinrich_Meibohm_1612.JPG

Die Zerstörung zu Beginn der Strafexpedition von einer dieser Säulen, die in den fränkischen Annalenwerken in der Region um die Eresburg im heutigen Hochsauerland verortet wurde, führte zu einer Eskalation des Konflikts. Dabei war es irrelevant, ob mit dieser Zerstörung der Glaube oder die Politik verletzt wurde. Eine solche symbolische Zerstörung, deren Umstände nicht näher bekannt sind, und anschließende Eskalation hatten Karl und seine Großen sicherlich nicht beabsichtigt, da die Situation aufgrund der persönlich beleidigten und verletzten Sachsen unberechenbar wurde. Haben die Franken aber von Irminsuls Bedeutung für die Sachsen gewusst, so nahmen sie eine Eskalation des Konflikts billigend in Kauf. Die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Sachsen kämpften umso aufopferungsvoller und griffen häufig aus Hinterhalten an. Eine Taktik, die zu durchaus Verlusten auf Seiten der Franken führte. Schließlich konnten sie der fränkischen Übermacht mit ihren Panzerreitern jedoch kaum etwas entgegensetzen, sodass besonders schnell fränkische Erfolge gefeiert werden konnten. Die unterlegenen Sachsen wurden daraufhin entweder unterworfen, hingerichtet oder ihre Dörfer letztlich vernichtet. Zudem kam es immer wieder zu erzwungenen Massentaufen. Jedoch war der Widerstand noch lange nicht gebrochen: Unter der Führung des westfälischen Stammesführers Widukind (Lebensdaten unbekannt) vereinten sich vor allem bäuerliche Aufgebote zu einem Heer. 

Eine moderne Widukind-Statue in Nienburg. / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a3/Widukind2_b.jpg

In der Vita Karoli Magni, einer Lebensbeschreibung Karls des Großen, hob Einhard (~770 bis 840) die Unnachgiebigkeit der Sachsen und die Brutalität auf beiden Seiten hervor:
„Kein anderer Krieg ist von den Franken mit ähnlicher Ausdauer, Erbitterung und Mühe geführt worden wie dieser. […] Mord, Brand und Brandstiftungen nahmen daher auf beiden Seiten kein Ende. […] Es lässt sich kaum beschreiben, wie oft sie besiegt wurden, wie oft sie Gehorsam versprachen. Einige Male waren sie schon so unterwürfig und schwach gemacht worden, daß sie gelobten, den Götzendienst aufzugeben und das Christentum anzunehmen. Doch obwohl sie mehrmals bereit gewesen waren, alle gestellten Bedingungen zu erfüllen, hatten sie es meist auch ebenso eilig, das Versprochene nicht zu halten. […] Karl aber schickte ihnen seine Grafen mit einer Armee, um Rache für ihr treuloses Verhalten zu nehmen.“

Über Widukinds Leben ist nur wenig bekannt und nach seiner Taufe im Jahr 785, bei der Karl als sein Taufpate auftrat, verschwindet er aus den Quellen. Dennoch ist seine Position von 777 bis 785 für den Konflikt zwischen dem fränkischen Reich und den Sachsen nicht zu unterschätzen. Er mobilisierte die sächsischen Bauern, die anschließend Siedlungen und Klöster im fränkischen Reich plünderten. Während viele dieser Bauern also weiterhin kämpften und ihrem Glauben sowie ihrer Identität treu blieben, wechselten viele sächsische Adlige die Seiten – entweder aufgrund der Überlegenheit der Franken, der Angst vor Konsequenzen oder aus Überzeugung. Eine Annäherung zwischen Franken und Sachsen fand dennoch statt, wie die erste fränkische Reichsversammlung 777 im heutigen Paderborn, an der auch sächsische Stammesfürsten teilgenommen hatten, beweist. Gleichzeitig trafen sich dort unter anderem angelsächsische Missionare und fränkische Geistliche zu einer Missionssynode, die die Mission im heidnischen Sachsen vorantreiben sollte. 

Auf der einen Seite schienen sich Teile der sächsischen Stämme den Franken also anzunähern, auf der anderen Seite wurde weiterhin in Schlachten zwischen Widukinds Heer und dem fränkischen Heer unerbittlich gekämpft. Meist hatten die zahlenmäßig überlegenen und besser ausgerüsteten Franken die Oberhand, sodass im Jahr 782 Sachsen auf dem Reichstag zu Lippspringe in fränkische Grafschaften aufgeteilt wurde. Das fränkische System wurde den Sachsen also aufgezwungen: die Aufteilung in Grafschaften und Grafschatzbezirke sowie die Mission und die damit verbundenen Kirchen- und Bistumsgründungen. Zudem wurden vermehrt Abgaben eingetrieben und Menschen zwangsbekehrt. Doch den negativen Höhepunkt der Auseinandersetzung und der Härte Karls sollte das Blutgericht von Verden (Analogie zum Blutgericht von Cannstatt) darstellen. Die in den Quellen genannte hohe Opferzahl von 4000 Menschen, die auf Befehl Karls des Großen hingerichtet worden sein sollen, scheint sehr unwahrscheinlich, dennoch verdeutlicht diese Zahl die Härte und Brutalität, mit der die Franken agierten. Erst mit der Taufe Widukinds im Jahr 785 sollten die Auseinandersetzungen auf wenige Kämpfe reduziert werden. 792 kam es zu einem letzten, erfolglosen Aufstand als Folge einer Zwangsaushebung für einen Krieg gegen die Awaren. Dieser Aufstand endete mit weiteren Unterwerfungen und Landverlusten der beteiligten Sachsen. Bis 804 kam es immer wieder zu Unruhen, von einem erfolgreichen Aufstand kann allerdings nicht die Rede sein. 

„Verdener Blutgericht“, Notgeldschein, Sparkasse Verden, 1921. / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/d/db/Blutgericht.jpg

Was blieb also am Ende der Sachsenkriege von den sächsischen Stämmen übrig? Als Resultat der zahlreichen Aufstände und Auseinandersetzungen stand letztlich die Integration Sachsens in das Fränkische Reich und die rechtliche Gleichstellung der Sachsen mit den Franken im Lex Saxonum. Die Identität der Sachsen wurde dennoch fast vollkommen ausgelöscht: Von ihrem Glauben, ihrer Kultur und Politik sowie ihrer sozialen und gesellschaftlichen Struktur blieb ihnen kaum etwas. Sie mussten sich neuen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen und Hierarchien unterordnen und letztlich versuchen, sich darin einzugliedern.

Zum Weiterlesen:
Thorsten Capelle, Die Sachsen des frühen Mittelalters, Stuttgart 1998.
Johannes Fried, Karl der Große – Gewalt und Glaube, München 2013.
Karl Ubl, Die Karolinger – Herrscher und Reich, München 2014.



Kommentare:

  1. Vielleicht sollt man noch darauf hinweisen, dass nach wie vor von einigen Historikern, in Anlehnung an Karl Bauer, die These vertreten wird, das sogn. "Blutgericht von Verden" habe gar nicht stattgefunden.
    Da Bauers Arbeit dem Jahre 1937 entstammt, ist sie sicherlich mit Vorsicht zu genießen. Interessant ist die Grundthese dennoch. Demnach sei ein Kopierfehler der Grund, dass es zu der Behauptung kam, über 4500 Sachsen seien bei Verden geköpft worden ("decollati sunt"). Viel wahrscheinlicher sei es, dass die Sachsen umgesiedelt worden seien ("delocati sunt").

    Link zu Bauers Arbeit:
    http://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/z/zsn2b008548.pdf

    Bauer argumentiert dabei vor allem quellenkritisch. Die Tatsache, dass wir (übrigens bis heute) bezgl. Verden über keine Originalhandschrift aus dem 8./9. Jahrhundert verfügen, sondern lediglich über Abschriften, die z.T. recht deutlich voneinander abweichen, lässt seine These zumindest plausibel erscheinen.
    Auch archäologische Funde aus der Zeit, die auf eine Massaker schließen lassen könnten, fehlen bisher.

    Zudem wird die Massenhinrichtung in Einhards Biographie Karls des Großen nicht erwähnt, was ungewöhnlich ist. Denn normalerweise zielten Herrscher, die ein Massaker veranstalteten, vor allem auf dessen abschreckende Wirkung ab. Potentielle Feinde sollten es sich zweimal überlegen, zu den Waffen zu greifen.Wenn Karl also eine Massenhinrichtung befohlen hätte, hätte er sie höchstwahrscheinlich auch entsprechend "promoted", um einen maximalen Nutzen daraus zu ziehen.
    Dass Einhard das Massaker verschwiegen haben könnte, um Karl als tiefgläubigen christlichen Monarchen darstellen zu können, halte ich für zu weit her geholt. Heiden zu töten widersprach nicht dem Glaubensideal eines christlichen Herrschers im Mittelalter.

    Eine Zwangsumsiedlung hingegen, erscheint auf den ersten Blick unspektakulär und kaum erwähnenswert, für eine Stammesgesellschaft wie die der Sachsen, wären ihre Auswirkungen jedoch fatal gewesen.
    Die Herauslösung aus dem sozialen Verbund von Familie, Clan und Stamm und das Wissen darum, nicht mehr im Land seiner Ahnen leben und sterben zu dürfen, muss für den Einzelnen ein enormer Schock gewesen sein und wäre vermutlich sogar noch schlimmer als der Tod empfunden worden.

    Insofern hätte eine Umsiedlung/Vertreibung den Widerstandsgeist der Sachsen deutlich stärker schwächen können, als eine Massenhinrichtung. Eine Umsiedlung schwächt die Stammesstruktur, bei einem Massaker jedoch besteht immer auch die Gefahr, dass es Hass und Zorn statt Furcht schürt und den Widerstandsgeist und den Zusammenhalt des Stammes dadurch eher stärkt.



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  2. Vielen Dank für die ausführlichen Ergänzungen zum Artikel. :)

    Bauers Arbeit ist mir sehr gut bekannt und auch die wissenschaftliche Kontroverse um die zugrundeliegenden Quellen bewusst. Wie Sie selbst sehr gut begründen, gibt es da jeweils gute Gründe, sich den entsprechenden Argumenten anzuschließen oder zu verweigern. Aufgrund der Kürze unserer Artikel, habe ich mich gegen Bauers Argumentation und für den originalen Wortlaut in der Quelle entschlossen.
    So hat eine Massenhinrichtung beispielsweise auch immer einen starken symbolischen Charakter und kann neben einer zahlenmäßigen Schwächung, zu einer psychologischen und moralischen Schwächung führen. Ob Massenhinrichtung oder Zwangsumsiedlung, für mich sind beide Situationen entscheidend für den Umgang der Franken mit den Sachsen und letztlich für die Franken zielführend gewesen.
    Für das "Blutgericht von Verden" böte sich wahrscheinlich ein eigener Artikel sehr gut an, in dem die genauen Argumente gegenübergestellt und die Quelle genau betrachtet werden könnten.

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