Sonntag, 28. Januar 2018

Das Gegenkönigtum Rudolfs von Rheinfelden

Gestern, am 27. Januar, jährte sich die Schlacht bei Flarchheim zum 938. Mal. Flarchheim, eine kleine Gemeinde südlich von Mühlhausen in Thüringen, bot im Jahre 1080 die Kulisse für eine der kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen Heinrich IV. (König ab 1056, Kaiser von 1084 bis 1105) und dem von den Fürsten des Reiches gewählten Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden (Gegenkönig von 1077 bis 1080). Der Konflikt zwischen diesen beiden Männern war eine Folge der jahrelangen Streitereien zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. (Papst von 1073 bis 1085) im Investiturstreit und den dadurch entstandenen Unruhen im Reich. Dieser Artikel beleuchtet die Vorgeschichte des Konflikts sowie die Schlachten in Flarchheim und bei Hohenmölsen, die über die Zukunft des Königtums entschieden sollten. Darüber hinaus werden die Gründe zur Wahl Rudolfs als Gegenkönig sowie schließlich der Ausgang des Konflikts vorgestellt.
 
Die Grabplatte Rudolfs im Dom von Merseburg/ Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/Grabplatte_Rudolf_von_Rheinfelden_Detail.JPG


Als Papst Gregor VII. am 14. Februar 1076 auf der Fastensynode den Kirchenbann über Heinrich IV. aufgrund stark unterschiedlicher Ansichten bei der Investitur, also der Einsetzung, von Bischöfen ausgesprochen hatte, bedeutete dies für Heinrich zunächst die Exkommunikation, also den Ausschluss aus der Kirche. Dadurch wurden gleichzeitig die Fürsten und Bischöfe des Reiches formal von ihrem Treueeid, den sie Heinrich geschworen hatten, gelöst. Daraus folgte wiederum, dass Heinrich nicht mehr König bleiben konnte, da er einerseits deutlich an Zustimmung im Reich verlor, andererseits, weil er die Rolle als christlicher Herrscher nicht mehr glaubwürdig ausfüllen konnte. Die Adligen und Bischöfe mussten also schnell handeln, denn aufgrund der Exkommunikation des Königs kam es zu Konflikten zwischen Unterstützern und Gegnern Heinrichs: Die Unterstützer wollten an Heinrich festhalten; die Gegner forderten die sofortige Entmachtung des amtierenden Königs, der ihrer Meinung nach nicht im Amt verbleiben konnte. Heinrich selbst fühlte sich in seiner Position und Rolle sehr sicher. So forderte er noch vor der Exkommunikation in einem Brief an „den falschen Mönch“ Papst Gregor den Rücktritt vom selbigen: „Ich, Heinrich, durch die Gnade Gottes König, sage dir zusammen mit allen meinen Bischöfen: ‚Steige herab, steige herab!‘“
Um diese Konflikte im Reich schnellstmöglich zu lösen, wurde eine Fürstenversammlung in Trebur einberufen. Auf dieser wurde beschlossen, dem König eine Frist von einem Jahr zu geben, um sich vom Bann des Papstes lösen zu lassen. Heinrich versprach Gehorsam und Genugtuung gegenüber dem Papst zu leisten. Aufgrund der von den Fürsten vereinbarten Frist und dem Druck, den sie damit auf Heinrich ausübten, blieb ihm nichts Anderes übrig, als schnellstmöglich nach Italien zu ziehen und den Papst zu treffen. Der berühmte Gang nach Canossa war die Folge, an dessen Ende kann aufgrund seiner Komplexität und Hintergrundgeschichte an dieser Stelle nicht thematisiert wissen. Für den weiteren Verlauf ist jedoch wichtig zu wissen, dass Heinrich vom Kirchenbann gelöst wurde und damit der Forderung der Fürsten nachkam.
Trotz der Einhaltung der Frist wurde Rudolf am 15. März 1077 in Forchheim von den Fürsten zum Gegenkönig gewählt. Bei der Wahl selbst waren auch päpstliche Legaten präsent. Dies hatte einen besonderen Grund: Sie rangen ihm das Versprechen ab, dass zukünftig die freie kanonische Wahl von Bischöfen, also ohne jegliche Beteiligung des Königs, durchgeführt werden sollte. Die Fürsten verlangten von ihm zudem, das Recht auf freie Königswahl anzuerkennen und damit dem gängigen Prinzip der dynastischen Thronfolge zu entsagen. Nur 11 Tage später wurde er in Mainz zum König gekrönt. In Papst Gregor VII. hatte er einen seiner größten Unterstützer, der ihm später sogar eine Krone mit einer für ihn angefertigten Inschrift zugesandt haben soll.

Das einzig überlieferte Siegel Rudolfs / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Siegel_Rudolf_von_Rheinfelden.jpg

Doch warum wurde gerade Rudolf als Nachfolger Heinrichs bestimmt? Rudolf entstammte einem burgundischen Adelsgeschlecht und seine Familie gehörte zu den größten Landeigentümern in Burgund. So ist auch eine Verwandtschaft zum ehemaligen burgundischen Königshaus nachgewiesen. Gleichzeitig war er ein Vetter des Herzogs von Lothringen und damit ein Verwandter der Liudolfinger. Er stammte somit vom amtierenden Herrscherhaus ab und erhielt eine Legitimation zur Königserhebung. Die Karriere Rudolfs begann allerdings erst richtig im Jahr 1057, als er zum Nachfolger des schwäbischen Herzogs ernannt wurde. Als Herzog konsolidierte er das Herzogtum Schwaben und baute seine Machtbasis aus. Seine Heirat mit Adelheid von Turin, die eng mit dem Königshaus verwandt war, bedeutete seinen persönlichen und politischen Aufstieg, der mit der Krönung zum König schließlich seinen Höhepunkt fand.
Heinrich und seine verbliebenen Anhänger im Reich tolerierten diese Wahl eines Gegenkönigs natürlich nicht. So belegte der amtierende König seinen Widersacher Rudolf im Juni desselben Jahres mit der Reichsacht und sammelte sein Heer, um Rudolf zu besiegen. Beinahe gleichzeitig entzog er den aufständischen Adligen im Reich deren Lehen und enteignete sie. Auf einen schnellen Sieg bedacht, zog Heinrich mit seinem Heer von Süddeutschland in Richtung Sachsen und traf am 27. Januar 1080 in der Nähe von Flarchheim auf Rudolf. Es sollte nach seiner Niederlage vom 7. August 1078 in der Schlacht bei Mellrichstadt das zweite Aufeinandertreffen der Könige werden. Obwohl Heinrich von einem Heer des böhmischen Herzogs Vratislav unterstützt wurde und damit zahlenmäßig dem Heer Rudolfs überlegen war, konnte er die Auseinandersetzung nicht für sich entscheiden. Bei winterlichen Temperaturen und viel Schnee sollen die Heere stundenlang gegeneinander gekämpft haben, bis Heinrich sich schließlich in den Morgenstunden zurückzog. Das Heer Heinrichs hatte nach mehreren Berichten deutlich höhere Verluste erfahren als das gegnerische. Dementsprechend beanspruchte Rudolf auch den Sieg für sich. Doch Heinrich selbst sah sich als moralischer Sieger, denn während der Schlacht war es dem böhmischen Herzog Vratislav angeblich gelungen, die Heilige Lanze zu erobern. Daraus ließe sich ein moralischer Sieg des Königs deuten und so nahm ihn Heinrich auch selbst wahr. Der Ausgang dieser Schlacht entschied aber noch nicht das Schicksal des Reiches, sondern war lediglich ein Etappenerfolg. Gregor VII., der sich in diesem Konflikt lange zurückhielt, aber deutliche Sympathien für Rudolf zeigte, erklärte am 7. März 1080 auf der Fastensynode Rudolf zum rechtmäßigen König, wohingegen Heinrich erneut exkommuniziert wurde.
Erst im Oktober 1080 sollte es zur entscheidenden Schlacht der beiden Kontrahenten bei Hohenmölsen kommen, die die Entscheidung herbeiführte, wer König bleiben durfte. Wie bereits in den vorherigen Aufeinandertreffen ging Rudolf auch hier als Sieger hervor. Aufgrund einer taktischen Finesse, als Teile seines Heeres in den Rücken des Gegners gelangen konnten, besiegte Rudolf Heinrich, woraufhin sich das Heer des letzteren zurückzog. Weil Rudolf schwer verwundet wurde – angeblich wurde ihm die Hand abgeschlagen und in den Unterleib gestochen – und kurz nach dem Kampf seinen Verletzungen erlag, wurde Heinrich doch unverhofft zum Sieger erklärt. Mit dem Wissen, dass sein Widersacher seinen Verwundungen erlag, nutzte Heinrich schnellstmöglich die Gunst der Stunde und überfiel die von Rudolfs Männern gehaltenen Burgen. 

Rudolf zeigt auf die abgeschlagene Hand, Gravierung von 1781 / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d5/Rudolf_von_Schwaben.jpg

Die Fürsten ergaben sich aber nicht in ihr Schicksal und wählten anschließend mit Hermann von Salm im Jahr 1081 einen neuen Gegenkönig, der aber nicht auf eine annähernd vergleichbare Unterstützung der Fürsten des Reiches wie sein Vorgänger zählen konnte und dessen Machtbereich sich lediglich auf Sachsen beschränkte. Auch er konnte Heinrich nicht entscheidend schwächen, geschweige denn gefährden, sodass nach dem Tod Hermanns 1088 kein neuer Gegenkönig mehr gewählt wurde und Heinrich als alleiniger König weiterregieren konnte.
Es ist sowohl dem Umstand der kurzen Amtsdauer als auch den andauernden Auseinandersetzungen mit Heinrich geschuldet, dass Rudolf keine gravierenden Änderungen oder Neuerungen im Reich einführen und so nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte. Zudem war seine Abhängigkeit von den Adligen und Klerikern, die ihn in das Königsamt gewählt hatten, zu groß, als dass er wirklich eigenständige Entscheidungen treffen konnte. Dennoch wird zu dieser Zeit besonders deutlich, dass die etablierten Strukturen der Investitur und des Königtums in Wanken gerieten. Der Papst tolerierte die Investitur der Bischöfe durch den König nicht mehr; die Fürsten des Reiches wollten mehr Mitspracherecht haben und selbst einen König wählen dürfen. Das Gegenkönigtum Rudolfs war ein Ausdruck dieser Veränderungen, konnte aber nicht die Erwartungen erfüllen, die man in es gesetzt hatte.


Zum Weiterlesen:
Gerd Althoff, Heinrich IV. (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 2006.

Michaela Muylkens, Reges geminati. Die „Gegenkönige“ in der Zeit Heinrichs IV. (Historische Studien. Bd. 501), Husum 2012.

Kommentare:

  1. Spannend, wie sehr die Wirkung der Exkommunikation geographisch und zeitlich variierte. Etwas mehr als hundert Jahre später war Johann I. in England die Exkommunikation schon fast egal, seinem Zeitgenossen Kaiser Friedrich II. scheint es ähnlich gegangen zu sein.

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  2. Antworten
    1. Hallo Ralf,
      du hast Recht. Die unterschiedlichen Reaktionen auf verschiedene Exkommunikationen sprechen Bände.

      Ich denke aber, dass es vor allem am Stellenwert des jeweiligen Papsttums und damit zusammenhängend an der Reaktion der Fürsten liegt. Gerade Gregor VII. war nach seiner Wahl zum Papst sehr aktiv und versuchte direkt, seine Meinung zu präsentieren und seinen Einfluss sowie seine Stellung auszubauen. Als er dann die Exkommunikation aussprach, hatte er sich sehr wahrscheinlich eine Stellung aufgebaut, die die Fürsten dazu veranlasste, seinen Worten zu folgen.

      Auf der anderen Seite gab es natürlich auch schon vorher Strömungen im Reich, die gegen Heinrich vorgingen, sodass eine solche Exkommunikation natürlich sehr gelegen kam.

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