Sonntag, 25. Februar 2018

„Per tot discrimina rerum“ – Kaiser Maximilian I.

Während seiner Herrschaft gab es Ereignisse, die die Welt grundlegend veränderten – der Fall von Konstantinopel 1453, die Entdeckung der Neuen Welt 1492, die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die Entdeckung des Buchdrucks – und die ihn zu einem Kaiser zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit machten. Die Rede ist von Kaiser Maximilian I., dessen Leben, das sich gut mit seinem Wahlspruch „Per tot discrimina rerum“ („Durch so viele Gefahren“) beschreiben lässt, im Mittelpunkt dieses kurz!-Artikels stehen soll. 

Kaiser Maximilian I., gemalt von Albrecht Dürer (1519)
(https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_I._(HRR)#/media/File:Albrecht_Dürer_-_Portrait_of_Maximilian_I_-_Google_Art_Project.jpg)


Maximilian wurde 1459 inmitten des innerhabsburgischen Bruderzwists zwischen seinem Vater, Kaiser Friedrich III. (1415-1493), und seinem Onkel, Albrecht VI. (1418-1463), um die Herrschaft im Hause Habsburg auf der Wiener Neustädter Burg geboren. Diese Auseinandersetzungen erreichten 1462 ihren Höhepunkt, als Albrecht VI. mit Unterstützung der Stadt Wien die Familie des Kaisers in der Wiener Hofburg für mehrere Wochen belagern ließ, was auch Maximilian als Kleinkind miterlebte. Trotz dieser schon in seinen frühen Lebensjahren verlaufenden Konflikte wuchs Maximilian standesgemäß auf: Er lernte früh Lesen und Schreiben, wurde im Deutschen, Portugiesischen und Slowenischen unterrichtet und erlangte das Wissen über standespolitische Hierarchien. Sein persönliches Interesse lag vor allem in der Geschichte, der Malerei und der Musik. Später beschäftigte er sich insbesondere mit der Jagd und Turnierkämpfen, der Krieg- und Heeresorganisation sowie der Waffen- und Kampftechnik. 

Die ersten zehn Lebensjahre Maximilians waren durch zahlreiche weitere politische Konflikte seines Vaters, Kaiser Friedrich III., geprägt. Als Ende der 1460er Jahre die Osmanen erstmals österreichischen Boden betreten hatten, wurde 1471 der Regensburger Christentag abgehalten, auf dem Kaiser Friedrich ein gemeinsames Vorgehen gegen die 'osmanische Gefahr' für die Christenheit beschließen wollte. Maximilian begleitete seinen Vater zu diesem Anlass und erlebte seine erste Reichsversammlung. Zwei Jahre später richtete sich der Blick des Kaisers auf das kulturelle Zentrum des spätmittelalterlichen Europas – den Hof von Burgund. Angeregt durch Papst Pius II., der Sekretär des Kaisers war, kam es zu Heiratsverhandlungen in dessen Mittelpunkt der mittlerweile 14-jährige Maximilian und die 16-jährige Maria (1457-1482), Tochter Karls des Kühnen (Herzog von Burgund) (1433-1477) standen. Für beide Seiten versprach eine Verheiratung enorme Vorteile: Kaiser Friedrich konnte auf notwendige Macht- und Finanzmittel hoffen, während für Karl den Kühnen ein Königstitel aussichtsreich erschien. Aufgrund der fordernden und vagen Haltung des Burgunderherzogs wurden die Verhandlungen aber unterbrochen. Als Karl der Kühne jedoch 1477 in der Schlacht bei Nancy fiel und von zahlreichen anderen Seiten um Maria von Burgund geworben wurde, erforderte gerade der Umstand, dass auch der französische König Ludwig XI. (1423-1483) Maria mit seinem Sohn Karl VIII. (1470-1498) verheiraten wollte, rasches Handeln. Ende April 1477 kam es zur Ferntrauung zwischen Maximilian und Maria. Bereits im Mai brach Maximilian in Wien auf und traf am 18. August in Gent ein, wo noch am selben Tag der Ehevertrag unterzeichnet wurde. Einen Tag später fand die feierliche Trauung statt. 

Schon vor der Hochzeit war es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Burgund und Frankreich gekommen, die im Burgundischen Erbfolgekrieg münden sollten. Grund dafür war der Tod Karls des Kühnen, der keinen männlichen Erben hinterließ, aber mit Maria eine volljährige Erbtochter. Kurz vor der Eheschließung hatte der französische König die an Karl den Kühnen vergebenen Lehen eingezogen und besetzte das Herzogtum sowie die Freigrafschaft Burgund. Daneben erhob sich auch eine innerburgundische Opposition gegen Maria von Burgund und Maximilian. Maximilian zeigte sich während dieser Auseinandersetzungen immer wieder als militärstrategisch kompetent. So setzte er anstatt der mittelalterlichen Reiterheere vermehrt besser bewaffnete Fußtruppen ein, die zudem auch schneller aufgestellt werden konnten, und wurde schnell zu einem populären Heerführer. Daneben förderte er auch den Wechsel hin zu Söldnerheeren, doch die ohnehin leeren Staatskassen und die hohen Ausgaben für die Kriegsführung sorgten für starken Widerstand der burgundischen Städte. Noch katastrophaler wurde die Situation mit dem Tod Marias von Burgund 1482. Nachdem 1478 mit Philipp ein Sohn und 1480 mit Margarethe eine Tochter geboren worden waren, starb Maria, die mittlerweile zum dritten Mal schwanger war, an den inneren Verletzungen infolge eines Sturzes vom Pferd. 

Maximilian I. mit seiner Familie: Oben v.l.n.r.: Kaiser Maximilian, Philipp I. und Maria von Burgund.
Unten v.l.n.r.: Ferdinand I., Karl V. und Ludwig II.; gemalt von Bernhard Strigel (um 1515)
(https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_I._(HRR)#/media/File:Bernhard_Strigel_003b.jpg)

Die innerburgundische Opposition setzte sich direkt gegen Maximilian, der nach dem Tod seiner Frau nur noch eine Vormundstellung für seine Kinder hatte, zur Wehr und bemächtigte sich seiner Kinder. Ohne Mitwirkung Maximilians wurde 1482 der Friede von Arras geschlossen: Die zweijährige Margarethe wurde mit Karl VIII., dem Sohn des französischen Königs, verlobt und nach Frankreich gebracht. König Ludwig XI. forderte daraufhin direkt seine Mitgift und erhielt die Freigrafschaft Burgund sowie weitere Besitzungen. Philipp blieb in Gewahrsam der Generalstände.

Unterdessen wurde Maximilian 1486 im Kaiserdom von Frankfurt am Main noch zu Lebzeiten seines Vaters zum römisch-deutschen König gewählt und im April desselben Jahres im Aachener Kaiserdom gekrönt. Trotz des Friedens von Arras eskalierte jedoch die Gewalt in Burgund und 1488 wurde Maximilian selbst wochenlang in Brügge gefangen genommen. Erst sein Vater konnte ihn mithilfe eines Reichsheeres retten und so die Lage in Burgund stabilisieren. Ein weiterer Frieden zwischen Maximilian und dem mittlerweile zum französischen König gekrönten Karl VIII. wurde 1489 geschlossen. Maximilian musste zahlreiche Zugeständnisse machen, die allerdings die jahrelangen Verwüstungen, Hungersnöte und Seuchen in Burgund nicht ungeschehen machen konnten. Noch im selben Jahr verließ er die burgundischen Niederlande und erhielt von seinem Onkel Sigmund Tirol und die Vorlande. Von nun an hielt er sich bevorzugt in Innsbruck auf und der oberösterreichische Teil der habsburgischen Erbländer wurde zum Zentrum seiner königlichen Aktivitäten.

Maximilian bemühte sich dort um umfangreiche Finanz- und Verwaltungsreformen nach burgundischem Vorbild und schuf somit Reformpläne für seine übrigen Herrschaftsgebiete. Seine Reformen zielten auf eine Vereinheitlichung der Verwaltung, Rechtsprechung, Friedenssicherung und Steuerleistungen im Reich ab. Zudem bemühte er sich um die Beseitigung adliger und geistlicher Herrschaftsrechte, um die landesfürstliche Macht zu steigern. Vor allem seine guten Verbindungen zum schwäbischen Kaufmannsgeschlecht der Fugger halfen dabei, die weitreichenden Reformpläne auch in finanzieller Hinsicht weiter zu verfolgen. Seine Pläne stießen jedoch vor allem bei den Reichsständen auf massive Kritik, die keinerlei Interesse an der maximilianischen Politik sowie der Stärkung seiner Macht hatten und deswegen immer wieder für Auseinandersetzungen sorgten. 

Um den französischen König einzukreisen, heiratete Maximilian 1490 in Abwesenheit die 13-jährige Anna von der Bretagne (1477-1514). Daraufhin marschierte Karl VIII. selbst in die Bretagne ein und ehelichte Anna, deren Verheiratung mit Maximilian aufgrund seiner Abwesenheit nur auf dem Papier Bestand gehabt hatte und formell gelöst wurde. Mit dieser Heirat verstieß Karl VIII. die Tochter Maximilians, mit der er seit 1483 verheiratet war, und gab weder die erhaltene Mitgift zurück, noch Margarethe frei. Maximilian profitierte nun vom mittlerweile erfundenen Buchdruck und erhoffte sich durch den Einsatz von Flugblättern ideelle und finanzielle Hilfe, um gegen den französischen König vorzugehen. Diese blieb jedoch aus, wenngleich Maximilian mithilfe des Gelds der Fugger und Englands die Freigrafschaft Burgund, Flandern und Artois zurückerhalten konnte. Das habsburgische Erbe umfasste nun im Westen die burgundischen Niederlande und die Freigrafschaft Burgund, wo Philipp und nach seinem Tod 1506 seine Schwester Margarethe anstelle ihres Vaters regieren sollten. 

Aufteilung des burgundischen Erbes Karls des Kühnen bis 1493
(https://de.wikipedia.org/wiki/Burgundischer_Erbfolgekrieg_(1477–1493)#/media/File:Karte_Haus_Burgund_5.png)

1493 folgte Maximilian seinem Vater Friedrich III. nach und wurde regierender römisch-deutscher König und Herr der Habsburgischen Erblande. Der Reformreichstag von Worms brachte 1495 eine zumindest schriftliche Einigung in den Auseinandersetzungen Maximilians mit den Reichsständen: Mit dem Ewigen Landfrieden wurde eine Eindämmung des Fehdewesens festgeschrieben, der Gemeine Pfennig brachte die erste allgemeine Steuer und mit dem Reichskammergericht wurde eine rechtsprechende Institution für das ganze Reich eingerichtet. Diese Ergebnisse konnten in der Praxis aber kaum umgesetzt werden: Die Steuern wurden nicht gezahlt und Landfriede sowie Gerichtsurteile konnten mangels Geld und Personal nicht vollstreckt werden. 

In den folgenden Jahren setzte Maximilian vielversprechende Heiratsprojekte um, um so Bündnisse gegen Frankreich zu schmieden. Im Januar 1495 verheiratete er seine Kinder, Philipp und Margarethe, die erst zwei Jahre zuvor aus Frankreich zurückgekehrt war, mit jenen Ferdinands von Aragon und Isabellas von Kastilien und schuf damit den Grundstein für das spätere Weltreich Karls V. 1515 sah Maximilian eine Verheiratung seiner Enkel mit den minderjährigen Kindern Wladislaws II., der über Böhmen und Ungarn herrschte, vor. Mit dieser Doppelhochzeit legte Maximilian wiederum den Grundstein für die spätere habsburgische Donaumonarchie. Auch Maximilian selbst heiratete 1494 erneut und ehelichte Bianca Maria Sforza (1472-1510), Tochter des Herzogs Galeazzo Maria Sforza von Mailand und Bonas von Savoyen.

1496 unternahm Maximilian einen ersten Italienzug, finanziert vom Geld der Fugger, um die Franzosen aus Italien zu vertreiben. Jedoch zwangen die schlechten Wetter- und Finanzbedingungen ihn zur Umkehr. Einen zweiten Italien- bzw. Romzug bestritt er dann 1508, um die Kaiserproklamation in Rom zu realisieren. Allerdings wurde er aufgrund des bestehenden Bündnisses des französischen Königs mit der Republik Venedig daran gehindert. Deswegen ließ er sich in Trient nieder und wurde dort zum Kaiser ausgerufen. Noch im selben Jahr verbündete sich Maximilian mit Frankreich, Spanien und Papst Julius II. gegen die Republik Venedig. Dies war der Auftakt für jahrelange kriegerische Auseinandersetzungen in Oberitalien. 

Maximilian schuf mit seiner Politik die Grundlagen einer organisierten Bürokratie, die, auch wenn oder weil sie durch seine Enkel modifiziert wurden, bis ins 18. Jahrhundert Bestand hatten. Häufig waren jedoch die Ziele, die Maximilian militärisch und politisch verfolgte zu groß und es fehlte an Geld, Institutionen und Erfahrung, um die Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Vor allem seine geplanten, großen Repräsentationswerke konnten aufgrund des Geldmangels während seiner Regierungszeit nie in die Tat umgesetzt werden. Als Maximilian 1519 starb, gab es nicht einmal genug Geld, um das Begräbnis des Kaisers zu finanzieren und erst geliehenes Geld reichte für eine bescheidene Bestattung in Wiener Neustadt.

Zum Weiterlesen:
  • Hollegger, Manfred: Maximilian I., 1459–1519. Herrscher und Mensch einer Zeitenwende, Stuttgart 2005.
  • Lutter, Christina: Maximilian I. (1486-1519), in: Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hgg.): Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I., München 2003, S. 518-542.
  • Wiesflecker, Hermann: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, 5 Bände, München 1971-1986. 
  • Wiesflecker, Hermann: Maximilian I. Die Fundamente des habsburgischen Weltreichs, Wien 1991.

Kommentare:

  1. "Jedoch zwangen die schlechten Wetter- und Finanzbedingungen ihn zur Umkehr" - damit lassen sich 50% aller Militärgeschichte wunderbar zusammenfassen ;)

    Eine Frage habe ich aber: Warum lernte Maximilian als Kind ausgerechnet Portugiesisch und vor allem Slowenisch? Gerade Slowenisch war damals doch eine absolute Provinz- und "Bauern"-Sprache, Krain und Görtz waren relativ kleine Herrschaften und das obendrein mit deutsch- und italienischsprachiger Führungsschicht...

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  2. Das ist eine gute Frage, vielen Dank! Insgesamt geht die Information, dass Maximilian in mehreren Sprachen, u.a. auch im Slowenischen, unterrichtet wurde auf den Humanisten Johannes Cuspinian (1473-1529) zurück. In seinem Hauptwerk 'De Caesaribus et Imperatoribus Romanis' (erstmals gedruckt 1540) versammelt Cuspinian Kaiserporträts und zieht mit diesen eine Linie von Caesar bis Maximilian I. Dort heißt es: "Didicit quoque artem Slavonicam ab uno rustico faceto et duobus suis pueris nobilibus ex Slavonica." Laut Cuspinian habe Maximilian also Slowenisch von einem Bauern und zwei slowenischen Edelknaben erlernt. Über den genauen Grund schweigen die Quellen. Insgesamt muss man bei all diesen Kenntnissen, die Maximilian schon während seiner (frühen) Kindheit erlernt haben soll, sehr kritisch sein. Häufig zeigen sie vor allem, wie man sich einen künftigen Regenten vorstellte und insbesondere, wie man sich das Aufwachsen eines adeligen Regenten mit standesgemäßer Repräsentation vorstellte. Die Idealvorslettung war, dass ein zukünftiger Kaiser über umfassende Kenntnisse in allen Wissensgebieten verfügen sollte - vor allem Sprachkenntnisse spielten hier eine große Rolle. Die große Bildungsbewegung des Humanismus, die schon im 14. Jahrhunderts begonnen hatte, hatte auch in der Zeit Maximilians noch kein Ende gefunden und es entstanden weiter zahlreiche Schriften der Humanisten zur Bildung des Adels. Als Humanist stand Johannes Cuspinian, der 1510 in den diplomatischen Dienst Kaiser Maximilians trat, in ebendieser Tradition. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass Cuspinian die Kenntnisse Maximilians im 'De Caesaribus et Imperatoribus Romanis' ausweitete, um ihn als Person und Kaiser zu überhöhen. Diese Überhöhung macht natürlich zudem den Anschein, als wolle Cuspinian nachträglich aufzeigen, dass Maximilian I. wie kein zweiter dem Anspruch der Kaiserkrone schon seit der Kindheit gerecht geworden war.

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